Hormonersatztherapie und Herzkreislauferkrankungen

 

Hormone haben in der Regel vielfältige Wirkungen, so auch Östrogene als postmenopausaler Hormonersatz. Hinsichtlich Herzkreislauferkrankungen hat eine Hormonersatztherapie (HRT) positive aber auch negative Effekte. Die Analysen großer Studien sowie Daten neuerer Studien weisen auf notwendige Vorsicht hin, aber auch auf Wege einer individualisierten Therapie mit wenig Risiko oder sogar kardiovaskulärem Vorteil. Deshalb finden Sie im Folgenden, was Sie über mögliche Effekte einer Hormonersatztherapie auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen wissen müssen, wie Sie negative Auswirkungen vermeiden, aber auch positive Effekte für sich nutzen können.

 

Das Risiko für drei wesentliche Herzkreislauferkrankungen kann im Einzelfall durch weibliche Hormone ungünstig beeinflusst werden:

Thrombose, d.h. ein Blutgerinnsel bildet sich in einer Vene zum Beispiel der Beine und behindert den Abfluss des Blutes aus dem Bein.

Schlaganfall, d.h. Blutgerinnsel, die sich in den Arterien oder im Herzen bilden, werden mit dem Blut ins Gehirn gespült, wo sie Arterien verstopfen.

Herzinfarkt, d.h. ein Blutgerinnsel verschließt eine Arterie des Herzmuskels.

 

Schlaganfall und Herzinfarkt (Koronare Herzkrankheit, KHK) werden sehr stark durch Risikofaktoren wie Cholesterin, Diabetes und Bluthochdruck sowie Rauchen begünstigt. Auf die ersten drei dieser Risikofaktoren kann eine Hormonersatztherapie einen positiven Einfluss haben:

Das Risiko für einen Diabetes wird deutlich vermindert, das LDL-Cholesterin (das „schlechte“ Cholesterin) wird gesenkt, das „gute“ HDL-Cholesterin angehoben und ein erhöhter Blutdruck oftmals reduziert.

Eine HRT reicht aber in der Regel nicht aus, die Risikofaktoren vollkommen zu korrigieren. Das Risiko für einen Schlaganfall oder Herzinfarkt kann durch eine HRT sogar noch weiter erhöht werden, z.B. durch ihre ungünstige Wirkung auf die Blutgerinnung.

Daher empfiehlt es sich, vor Beginn einer HRT die Risikofaktoren Cholesterin, Diabetes und Bluthochdruck zu untersuchen und gegebenenfalls zu behandeln. Auch kann bei Bedarf eine verstärkte Blutgerinnung abgeklärt werden. In jedem Fall ist die Beendigung des Rauchens zu begrüßen.

 

Thrombosen werden in erster Linie durch eine erhöhte Aktivität der Gerinnung ausgelöst, z.B. durch starkes Übergewicht (Body-Mass-Index (BMI) ≥30kg/m²) oder eine genetische Belastung. Hinweise darauf geben frühere eigene venöse Thrombosen bzw. Lungenembolien oder enge Blutsverwandte, die in jungen Jahren eine Thrombose oder Lungenembolie erlitten habe. Deshalb sollte vor einer HRT Hinweisen auf ein erhöhtes Thromboembolie-Risiko nachgegangen werden. In Verdachtsfällen sollte eine Thrombophilie-Diagnostik durchgeführt werden. Bei erhöhtem Thromboserisiko sollte eine transdermale HRT (Behandlung über die Haut mittels Pflaster, Gel oder Spray) statt einer oralen HRT (Tablette) mit möglichst niedriger Dosis erwogen werden.

 

Schlaganfälle sind das zweithäufigste und wohl „ernsteste“ Kreislauf-Risiko einer HRT. Es betrifft Durchblutungsstörungen des Gehirns, nicht aber Hirnblutungen, und kann lebenslange schwerste Behinderung mit Störung der Sprache nach sich ziehen. Das Risiko ist allerdings in den ersten 10 Jahren nach der Menopause sehr niedrig. Aber dennoch sollten die wesentlichen Risikofaktoren, Bluthochdruck und Diabetes, vor einer HRT gut eingestellt werden. Raucher haben grundsätzlich ein höheres Risiko. Das Risiko normalisiert sich nach Absetzen der HRT vollkommen. Wie bei Thrombosen kann auch das Schlaganfallrisiko durch Anwendung einer transdermalen HRT (Pflaster, Gel, Spray) wahrscheinlich vollkommen vermieden werden.

 

Das Risiko für Herzinfarkte (koronare Herzkrankheit) unter HRT ist zwar am häufigsten diskutiert worden. Den Studienergebnissen zufolge hat eine HRT aber keinen oder nur einen geringen Einfluss auf das Herzinfarktrisiko, wenn die HRT in den ersten 10 Jahren nach der Menopause begonnen wird (also etwa zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr). Eine alleinige Östrogentherapie, wie sie für Frauen nach Entfernung der Gebärmutter in Frage kommt, vermindert wahrscheinlich das Herzinfarktrisiko sogar. Das ist vermutlich dem günstigen Einfluss einer der Östrogene auf die Risikofaktoren zu verdanken.

 

Zusammengefasst schließen Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes, hohes Cholesterin und Rauchen die Anwendung einer HRT nicht aus. Sie sollten allerdings optimal eingestellt sein, das Rauchen möglichst aufgegeben werden und bei Verdacht auf eine Neigung zu Thrombosen dieses Risiko näher abgeklärt werden.

Dann ist das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Thrombose, Schlaganfall und Herzinfarkt niedrig, am niedrigsten wenn die HRT innerhalb der ersten 10 Jahre nach der letzten Regel (Menopause) begonnen und eine niedrige Östrogendosis als Pflaster, Gel oder Spray verwendet wird.

 

Prof. Dr. med. Eberhard Windler

Präventive Medizin

Universitäres Herzzentrum Hamburg

Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf